Meine erste Kandare


Viele Dressurreiter fiebern auf diesen Moment hin: Der erste Ritt mit Kandare.
Die Vorfreude und der Ehrgeiz steigern sich und irgendwann ist der Moment gekommen: Du bist "kandarenreif". Und dann kommt eine Flut von Gebissen, Unterlegtrensen, Kandaren und Zaumzeug auf dich zu. Wie du dich in diesem Dschungel zurechtfindest erklären wir dir gerne.

Gemeinsam mit Thomas Oldridge von OS Sporthorses, selber erfolgreich bis zum Grand Prix in der Dressur unterwegs, haben wir uns das Thema "Meine erste Kandare" genauer angeschaut. Er erklärt worauf es vor und bei dem ersten Ritt auf Kandare ankommt.

Der Kandarenzaum -  Basiswissen

Die Kandare ist eine besondere Zäumung, meist in der Dressur, die mit dem Ziel einer feineren Hilfengebung eingesetzt wird. Daher findet man sie oft in den höheren Klassen. Die Kandare besteht aus mehreren Teilen: die Zäumung an sich, die Unterlegtrense, die Trensenzügel, die Kandare und die Kandarenzügel. Sprich, man reitet mit zwei Zügelpaaren und zwei Gebissen im Pferdemaul.

"Wann bin ich bereit für die meine erste Kandare?"

"Man spricht von der sogenannten 'Kandarenreife', wenn der Reiter und das Pferd so weit ausgebildet sind, dass der Reiter das Pferd mit Gewichts- und Schenkelhilfen, unabhängig von der Hand, reiten kann. Sprich die Schenkel- und Gewichtshilfen haben keinen ungewollten Einfluss auf die Zügelhilfen. Die Hand ist dabei 'sitzunabhängig' und der Reiter ist in der Lage Hilfen fein zu dosieren. Das Pferd ist im Gegenzug so weit ausgebildet, dass es die Hilfen entsprechend annimmt. Also ein super ausgebildeter Reiter und ein gerade angerittenes Pferd wird man nie mit einer Kandarenzäumung sehen - nur um ein Beispiel zu nennen. Ebenso gehört die Kandare nicht in die Hände von Reitanfängern, egal wie gut das Pferd ausgebildet ist."

"Worauf sollte ich bei der Zäumung achten?"

"Die Kandarenzäumung ist ähnlich des normalen englischen Reithalfters. Die Unterschiede sind hier die zweifachen Backenstücke, eben für die beiden Gebisse und der fehlende Sperriemen. Der Zaum der Unterlegtrense und des Reithalfters sollte so liegen wie einer normalen Trense. Die Kandare wird dann zusätzlich ins Maul gelegt und liegt quasi vor der Unterlegtrense mit ca. einem Finger Abstand. Durch die zusätzlichen Backenstücke sollte man darauf achten, dass die Schnallen nicht alle auf einer Höhe liegen, um Scheuerstellen so gut es geht zu vermeiden."

Die Unterlegtrense - Basiswissen

Die Unterlegtrense wird in Verbindung mit der eigentlichen Kandare genutzt. Sie unterscheidet sich kaum von einer eigentlichen Trense, allerdings hat die Unterlegtrense oft kleinere Ringe und eine etwas dünnere Gebissstärke.

Die Kandare - Basiswissen

Die klassische Kandare in der Dressur wird auch als Dressurkandare oder französische Kandare bezeichnet. Die Dressurkandare besteht aus zwei außenliegenden Schenkeln, verbunden durch eine feste Stange. Die Kandare ist also nicht gebrochen und hat somit eine schärfere Wirkung im Pferdemaul, die durch die Schenkel noch einmal deutlich verstärkt werden kann. Dies ist der Grund, weshalb die Kandare nichts für Anfänger ist und in erfahrene Hände gehört.
Dabei ist Kandare nicht gleich Kandare, denn auch hier gibt es Unterschiede.

Die Kandare - Basiswissen & Unterschiede

Zum einen unterscheiden sich die Kandarengebisse in der Gebissstärke. Dies ist natürlich abhängig vom Pferd und auch vom Platz im Pferdemaul. Zusätzlich unterscheiden sich die Kandaren in ihrer Zungenfreiheit. Aber Achtung: Eine größere Zungenfreiheit bedeutet auch ein größeren Druck beim Annehmen der Kandare. Auch hat die Kandare unterschiedlich lange Schenkel. Kurze Schenkel bedeuten dabei nicht, dass die Kandare weniger Wirkung hat - im Gegenteil! Je kürzer die Schenkel, desto kürzer der Hebel und desto schärfer das Gebiss. Zum Einstieg eignet sich daher eine Kandare mit etwas Zungenfreiheit und langem Schenkel und zu eurem Pferd passendem Material.

"Wie verschnalle ich die Kinnkette und wie muss sie liegen?"

"Die Kinnkette verhindert zum einen das zu starke Anziehen der Kandare, zum anderen bringt sie aber auch Druck auf den Unterkiefer. Grundsätzlich sollte die Kinnkette dort liegen, wo auch ein Sperrriemen liegen würde, sprich in der Falte hinter der Lippe vorm Maulwinkel. Die Kinnkette ist dabei so zu verschnallen, dass ca. 2-3 Finger darunter Platz finden und sie beim Annehmen der Kandare neutral anliegt ohne großen Druck auszuüben."

"Wie gewöhne ich mein Pferd am besten an die Kandare?"

"Unsere Pferde sind alle individuell und sollten auch so behandelt werden. Druck und Zwang haben nichts mit der Kunst des Reitens zu tun und so sollte auch die Kandare nie mit Gewalt verwendet werden. Pferde, die eher sensibel auf die Kandare reagieren sollten also langsam an das neue Gefühl gewöhnt werden, indem die Kandare erstmal im Maul liegt, aber nicht verwendet wird. Positive Verknüpfungen, wie mit leichter Arbeit oder gemütlichen Ausritten können geschaffen werden. Pferde, die die Kandare schnell akzeptieren sollten auch erst mit leichter Arbeit an das neue Gefühl im Maul herangeführt werden."

"Wie reite ich denn mit den 4 Zügeln?"

"Ganz einfach: Der Trensenzügel wird ganz normal gehalten. Beim Aufwärmen kann man den Kandarenzügel leicht aufnehmen, sodass er nicht springt oder lässt ihn einfach hängen. Der Kandarenzügel wird mit dem Trensenzügel gekreuzt und eine 'Fingerlücke' höher (also zwischen Ringfinger und Mittelfinger) gehalten. Dabei läuft der Kandarenzügel innen am Trensenzügel vorbei. Klingt kompliziert? Ist es aber nicht. Das erfordert einfach ein bisschen Übung."

"Noch ein Tipp für den ersten Ritt mit Kandare?"

"Ja. Bleibt cool! Je mehr Ruhe ihr ausstrahlt - auch wenn ihr innerlich vor Freude fast platzt - desto ruhiger und cooler wird euer Pferd mit dieser neuen Situation umgehen. Macht euch keinen Druck und probiert es einfach aus und baut es vielleicht zum Anfang 1x pro Woche ins Training mit ein. Die Rücksprache mit dem Trainer oder erfahrenen Leuten ist dabei immer ratsam und gibt auch euch ein gutes Gefühl."

Kandare - Fazit

Das Thema ist total spannend und auch ich, die Autorin, habe ich mich sehr auf meinen ersten Ritt auf Kandare gefreut. Ich kann die Vorfreude definitiv nachvollziehen, empfehle aber jemand erfahrenen in das Thema einzubeziehen. Bei der Gebissauswahl lohnt sich immer ein Gespräch mit qualifizierten Verkäufern. Ihr könnt euch auch immer gern an uns von Equiworld wenden.
Ansonsten bleibt nur DANKE zu sagen an Thomas Oldridge (OS Sporthorses) für die fachmännische Unterstützung an dieser Stelle.